Kinderblätter "Du bist mein Sonnenschein"
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Die Jagd nach Energie
Auf dieser Seite möchte ich Ihnen eine Art der kreativen Projektarbeit mit traumatisierten Kindern vorstellen. Die Einleitung zu dem Thema finden Sie hier
Im letzten Kapitel hatte ich Ihnen von einem Mädchen mit einer schweren kommunikativen Störung berichtet. Anhand einer Technik hatte ich beschrieben, wie sich ihre in starren Grenzen eingeklemmte Kreativität wieder zugänglich machen ließ. Der Anfang einer Erfolgsgeschichte, …
…doch so läuft es nicht immer.
Dennoch können Sie mit einem kreativpädagogischen Ansatz nachhaltige Veränderungen anstoßen. Nicht immer kommt es zu einem Gamechanger-Effekt. Manchmal verhindern das die Schwere oder die Tiefe einer Traumatisierung. Das bedeutet aber nicht, dass die Arbeit wirkungslos bleibt.
Die Drei, Giclée-Print alle Größen bis 60 cm x 84 cm DIN A1, RLP 2023
In diesem Kapitel werde ich Ihnen einen Jungen vorstellen, der eine unglaubliche Fähigkeit besaß: Er konnte einem die Energie rauben. Anders kann ich es nicht ausdrücken. Gut ausgeruht traf ich in der Einrichtung ein mit gut vorbereiteten Angeboten und voller freudiger Spannung, was sich in der Zwischenzeit alles ereignet hat und was sich wohl im Laufe meiner spielerischen Interventionen für neue Entwicklungen ergeben werden.
Ich bin Künstler, schon lange, eigentlich schon immer. Dazu kommen Erfahrung und Ausbildung an der Hamburger Kunstakademie und eine anschließende handfeste Ausbildung zum Diplom-Sozialarbeiter und Medienpädagogen in Köln. Diese Kombination öffnet mir Räume, die anderen Künstlern verschlossen bleiben. Das ist schön, aber auch verpflichtend.
Die Begrüßung fiel an diesem Tag etwas dürftig aus. Nur der Junge, neun Jahre alt, fing mich gleich an der Tür ab. Er stellte die üblichen Fragen zum Kinderprogramm: ob wir Eis essen gehen würden und wann denn? Mir fiel auf, dass er die Beantwortung seiner Fragen gar nicht abwartete. Es ging gleich weiter: Wo denn? Wieviele Kugeln? Ob ich damit einverstanden wäre, wenn er sich zur Erdbeerkugel auch eine Malagakugel bestellte. Ach, das geht? Da ist doch Alkohol drin!
Meine Frage, wo denn die anderen Kinder seien, wurde überhört.
Nun ging es um Fernsehen und darum, dass er schon einen Film ab FSK 12 schauen dürfe. Seine Oma hätte ihm das erlaubt. Er scheint ein massives Bedürfnis nach der Aufmerksamkeit eines Erwachsenen zu haben, dachte ich in dieser Situation und versuchte das Gespräch von der Zukunft in die Gegenwart zu bekommen. Da alle Kinder wussten, dass ich mich für Bilder interessiere, stellte ich meine mittlerweile obligatorische Frage, ob er seit meinem letzten Besuch etwas Neues gemalt hätte. Er stockte und führte mich in die Mal- und Brettspielecke des Wohnzimmers zu dem niedrigen quadratischen Tisch, der unter seiner Platte eine weitere Ebene hatte, aus der er einen Stapel zumeist DIN A4 große bemalte Blätter, manche eingerissen, viele geknittert, hervorholte. Er fächerte sie über den Tisch und fand auf dem Boden einen dicken orangenen Filzstift, dessen Kappe er abriss und sie nach vorne warf. Sie rollte unter die Couch. Mit dem Filzstift tippte er nun auf Blätter, zumeist ausgedruckte Malbuchkonturen irgendwelcher Comichelden, Einhörner und Meerjungfrauen, sodass dort überall dicke orangefarbene Punkte entstanden und erklärte mir, was das Blatt darstellt. Als ich nachfragte, ob er das alles gemalt hatte, überhörte er mich wieder, machte jetzt aber keine Tipp-Punkte mehr, sondern kringelte einzelne Bereiche fett ein, oder fuhr die Konturen nach, während er mir erzählte, dass es Einhörner doch gar nicht gibt, Meerjungfrauen vielleicht schon, aber sicher sei er sich da nicht. Ob ich schon mal eine gesehen hätte … Ein Mädchen betrat den Raum, blieb mit offenem Mund vor dem Tisch stehen und lief dann weinend die Treppe hoch mit anklagender lauter Stimme „… und der steht einfach dabei und guckt zu“.
Ich nahm ihm den Filzstift aus der Hand. Ja, das hätte ich mir vielleicht denken können und ihm direkt den Filzstift wegnehmen sollen, aber so oder anders wird es immer passieren, dass man den optimalen Zeitraum zur Intervention verpasst und dann ist es sehr, sehr wichtig, dass man bloß keine Tadelung oder Beschuldigung ausspricht, wenn man vorhat mit dem Kind noch kreativ zu arbeiten. Selbstverständlich wäre eine erzieherische Ansage erforderlich gewesen – aber das war nicht meine Aufgabe.
Ich hatte zunehmend den Eindruck, dass er meine Reaktionen auf seine Handlungen ziemlich genau vorausberechnete. Mir kam es tatsächlich so vor als hätte er sich gewünscht, dass wir beide zusammen über das weinende Mädchen gelacht hätten.
Wenn ich richtig lag, hatte er mir „über Bande“ das Angebot einer Komplizenschaft gemacht und dies auf sehr kreative Weise.
„Kannst du in die Zukunft sehen?“, fragte ich ihn und er schien wirklich überrascht zu sein, dass ich ihn nicht einmal ansatzweise ausschimpfte. Ich malte ihm aus, dass gleich alle Mädchen herunter kommen werden und ich ihn nicht vor deren Wut schützen werde.
Wie es denn wäre, vorausplanend gedacht, selber ein paar Einhörner zu malen und sie als Blitzableiter der aufkommenden Meute ihrer Rache zu überlassen. Die Idee in den Werkraum zu gehen und dort etwas zu malen, nahm er sofort an, das gemalte dann aber zur allgemeinen Verkritzelung frei zu geben, nein, also das wusste er noch nicht, ob er das so wolle.
Behutsam suchten wir den Werkraum auf und vorsorglich schloss ich uns ein. Man könnte meinen, dass so etwas offen gemacht werden sollte, vielleicht mit dem Hinweis, keinen unangenehmen Besuch zu bekommen. Aber in diesem konkreten Fall wollte ich der destruktiven Kreativität dieses Jungen keinen weiteren Vorschub mehr gewähren und schloss deshalb, ohne dass er es bemerkte. Sollten die Mädchen kommen und ihn aufziehen, wollte ich spontane Reaktionen vermeiden, die uns wieder aus der gerade erst begonnenen Arbeit herausreißen könnten.

Ich stellte das ganze Setting zusammen, echte Aquarellfarben, also die Studioversion, drei Pinsel und ein 220g/m² Bogen Studio-Aquarellpapier, legte mir vorsorglich ein Küchentuch über die Schulter und dann saß er da, zappelte mit den Beinen, starrte auf das weiße Papier.
Es ist wichtig in so einem Fall das ganze Blatt relativ schnell in die Bearbeitung zu bekommen. Mit einem Himmel war er einverstanden, das kann je nachdem ein Drittel, die Hälfte, oder zwei Drittel ausmachen. Das mit Kreppband aufgeklebte Blatt auf einer frei beweglichen Unterlage wird leicht schräg gestellt, so dass bei einem Farbauftrag am unteren Rand der Farbfläche ein Tropfenrand entsteht. Er soll nicht abfließen. Mit diesem Tropfen kann man die vorgesehene Fläche „Zeile für Zeile“ gleichmäßig weiter ausfüllen und man erhält ein homogenes Farbfeld. Zur Blattmitte hin nimmt man etwas mehr Wasser in den Pinsel und erhält dadurch einen luftigen zum Horizont hin gewölbten Himmel. Allein diese vom Kind geschaffene Atmosphäre bricht in nahezu allen Fällen das „weiße Rauschen“ und auf einmal geht es los.
Doch hier ging gar nichts los.
Vielleicht lag es an meiner Ausstrahlung. Ich war noch keine Stunde hier, hatte noch 5 Stunden, einen handfesten Krach mit allen Einhornkünstlerinnen noch vor mir und war einfach schon komplett leer. Der Junge aber schien seine ganze Konzentration auf den Außenraum zu fokussieren und erwartete wohl den Ansturm der Mädchen. Immer wieder schaute er zur Tür. Ich hätte ihn gerne gefragt, worauf er wartete, ließ es aber bleiben. Vielleicht hätte schon die Frage den Impuls ausgelöst, aufzustehen und den Raum verlassen zu wollen. So dauerte es lange, bis er den Himmel gezogen hatte und er war nicht gleichmäßig, denn die Farbe trocknete schneller ein, als er sie auftrug. Das Tropfenkonzept schien er nicht verstanden zu haben.
Als nun gar nichts von außen an Geräuschen zu hören war, schrie er mich plötzlich an, nachdem ich ihm den Vorschlag machte, am Ende des Himmels vielleicht mit graublauen Bergen den Horizont zu gestalten. Es kam mir vor wie das Ankurbeln eines Oldtimers, der einfach nicht anspringen will. Da kommt Wasser hin – und er schrie nochmal – dann lauschte er, ob sich endlich etwas vor der Tür zu rühren beginnt.
Ein Pinsel fiel zu Boden, sein Auffangversuch erwischte den Pinsel nicht mehr, aber den Becher mit Wasser – alles über den Tisch. So kam das vorsorgliche Küchenhandtuch zum Einsatz. Er schaute mir wortlos zu wie ich das Wasser aufnahm und ihm einen neuen Becher hinstellte. Auch sein Bild hatte etwas abbekommen. Ich gab ihm ein Zewa, er wusste nichts damit anzufangen. „Tupfe die Wasserpfütze von deinem Bild, so erhältst du Wolken.“ Und endlich machte ihm mal etwas Spaß. Jetzt wurde auch der untere Teil in Blau eingematscht und das Zewa kam ständig zum Einsatz. „Mehr in nur eine Richtung und du bekommst Wellen“, auch das nahm er an und dann kam er auf eine verwegene Idee: den Himmel noch mal anfeuchten und eine Stelle für die Sonne herauswischen und mit Gelb füllen.
Es war ein einfacher Bildaufbau. Die Sonne zerfloss im rechten Bildbereich in den Himmel und das Wasser, die beide genau die Hälfte einnahmen. Er war begeistert von seinem Kunstwerk. So etwas schönes hätte er noch nie gemalt. Und wie soll es heißen? Er überlegte. Die zwei Freunde, fiel ihm ein. Welche Freunde? Er suchte sein Bild ab. Vielleicht willst du noch ein paar Vögel hinein malen. Ja, das wollte er, aber wie und wo und hoffentlich wird es nicht versaut – bitte, mach du.
Da nahm ich mir ein Blatt und Sie kennen bestimmt schon, was jetzt kommt: die Besprechung des Bildaufbaus bei gleichzeitigem Entwurf des eigenen Bildes. Es ist ein gutes, schnörkelloses Bild ohne irgendwelche unnötigen Details, Meer, Himmel, Sonnenschein. Ich gab dem Himmel fast drei Viertel, klebte Krepp quer rüber und grundierte danach im unteren Bereich das Wasser, wischte genau die Mitte für eine große Sonne aus. Mit einem kleinen Pinsel an einer mit Klebeband fixierten Schnur zog ich den Halbkreis für die Sonne und gab ihr über den rechten Rand einen Vogel in Schwarz.

Das machte ihn auch mutig und sein Blatt bekam symmetrisch links und rechts einen Vogel. Wir lachten uns an. Das sind die beiden Freunde. Ich erhöhte die Vogelanzahl in meinem Bild auf drei „Freunde“ und war gespannt, was passieren wird,
Nichts.
Er hob sein Blatt über seinen Kopf und sagte mehrmals: Mein Sonnenschein. Möchtest du das vielleicht hineinschreiben? Er schrieb – auf die Rückseite Mein Sonnenschein mit zwei Freunden. In der Zeit schloss ich unbemerkt wieder auf. Er stürmte mit dem Blatt in das Wohnzimmer. Die Kollegin hatte die Mädchen eingesammelt und ihren Frust kreativ umgelenkt auf eine Kuchenbackaktion. Genüsslich und laut schmatzend, vielleicht um sicher zu gehen, dass der Bilderschreck auch ja mitbekommt, wie gut es schmeckt, kratzten und schleckten sie die Schüsseln aus. Aber sein Problem war nur noch, wo und wie er sein Bild aufhängen kann, damit es nicht zerkrickelt wird.








