Seine Bundeswehroffizierstiefel schlugen trocken auf den alten Schotter der stillgelegten Bahnstrecke im Département Haute-Garonne.
Schwarz waren sie einmal gewesen. Jetzt trugen sie diese eigentümliche, fast silbrige Patina aus weißer Schuhcreme, Staub und Sonne. Gepflegt waren sie. Der Junge mochte Dinge, die gleichzeitig ordentlich und ein wenig beunruhigend aussahen.
Dazu die schwarze Lederjacke.
Handgefertigt in Berlin, schweres Leder, schlicht geschnitten. Eine Jacke, der man die Nächte draußen nicht ansah.
Abwischen. Fertig.
Einen Rucksack hatte er nicht mehr.
Ein Rucksack machte aus einem Tramper einen Interrailer, eine gern gesehene Beute für die aus dem Algerienkrieg zurückgebliebenen Araberkollaborateure, wurde ihm von anderen Tramps gesteckt. Deshalb tauschte er seinen Interrail-Rucksack gegen eine ziemlich hübsche, wertige Ledertasche ein. Die Pegeldichte der Algerier konnte man in jeder Stadt am Bahnhof ablesen, und er hatte gelernt, dass es besser war, diese Information einzuholen, wenn man vorhatte, draußen wild zu campen.
Deshalb: statt eines bunten Rucksacks eine haselnussbraune Ledertasche mit breitem Riemen über der Schulter. Trug sich über längere Strecken wesentlich schlechter als ein Rucksack, und es passte weniger hinein, aber im Stadtbild sah er damit eher wie ein Student aus als wie ein Tourist.
Ihr Inhalt war nur das, was er wirklich brauchte.
Ein Bundeswehrschlafsack, ungefähr vier Kilo schwer, mit seinem wasserdichten Überzug. Ein geniales Ding. Man konnte unten den Überzug öffnen und die Beine herausstrecken, um nachts mal eben pinkeln zu gehen.
Zahnbürste, Seife und ein kleines Handtuch.
Essbesteck und ein kleines Schneidebrett, was auch als Tellerersatz genutzt wurde.
Ein Liter Spiritus und ein Trangia-Sturmkocher, mit Benzinfeuerzeug.
Eine Straßenkarte von ganz Frankreich.
Eine Unterhose und ein T-Shirt.
Eine Flasche Wasser.
Ein Liter.
Glas.
Damals waren Wasserflaschen aus Glas.
Ein Liter Wasser bedeutete also fast zwei Kilo, die man zusätzlich mit sich herumschleppte. Mehr Wasser war nicht einfach mehr Wasser. Mehr Wasser war mehr Gewicht auf der Schulter.
Also ein Liter.
Baguette, vier Tomaten und ein Stück Camembert, alles zusammen weniger als neun Kilo.
Die Stiefel schlugen weiter auf den Schotter.
Schritt.
Stein.
Schritt.
Staub.
Der Lift hatte ihn tief ins winterliche, aber sonnige Südfrankreich gebracht. Louis, der Camionneur, hatte Ruhezeit und wäre acht Stunden später weiter nach Toulouse gefahren.
Seine Ruhezeit abwarten? Das war nicht sein Fall.
Die Lederjacke über die breite Schulter, die Tasche geschnappt und Abschiedssprung aus dem Führerhaus.
„Merci beaucoup.“
Er warf seine langhaarige Lockenpracht nach hinten und blinzelte Louis dankbar zu.
Der Lastwagenfahrer hob müde einen Arm.
„Bonne route.“
Auf dem Parkplatz fand der Junge bald einen PKW.
Der Fahrer sprach einen regionalen Akzent, den er kaum verstand. Er hatte ein typisches Béret auf dem Kopf, sprach gerne und viel, krächzte seinen Akzent, hustete und machte sich eine filterlose Gauloise an.
Nichts davon konnte er verstehen.
Vielleicht erzählte er Witze, denn er lachte zwischendurch und hustete dann jedes Mal.
Und dann bog er auf einmal von der Hauptstraße ab. Da wusste der Junge, dass das ein Trampfehler war.
„Nur eine kleine Fauxpas“, wie der Franzose sagen würde.
Wald.
Feld.
Ein Dorf.
Ein Dorf, das nicht einmal auf seiner Karte eingezeichnet war. Immerhin brachte es ihn zwanzig Kilometer näher an Toulouse.
Toulouse war seine Zwischenstation. Dort irgendwie, irgendwo etwas Geld verdienen und dann weiter nach Bordeaux.
Er stieg aus.
Von nun an zu Fuß.
Immer nach Süden.
Die Sonne half.
Die Karte auch.
Dreißig Kilometer. Wahrscheinlich weniger.
… Fortsetzung folgt