Venedig
Datum
Venedig, Abdruck einer Projektionsfolie aus der Performance Venedig, Lightpainting-Farben auf Papier, 42cm x 29cm, Düren 1995
Venedig
Es gibt Frauen, deren Schönheit sich Zeit lässt. Carona war eine von ihnen. Große braune Mandelaugen, Erdbeermund, ein paar Gramm mehr an genau den richtigen Stellen und schwarzes langes Haar, so schwarz, als verstecke sich darin der dunkelblaue Ton mediterraner Nächte. Sie selbst sah das naturgemäß etwas anders. Hier eine Lachfalte, dort ein bisschen zu viel, der Hintern, der Bauch, die Beine – irgendetwas findet sich immer. Er dagegen hätte kaum sagen können, wo da das Problem liegt. Ein bisschen mehr an den richtigen Stellen war ziemlich genau das, was er sich immer gewünscht hatte, doch sagen mochte er es ihr besser nicht.
Im Gegensatz dazu fand Carona an ihrem Wesen nichts auszusetzen. Wozu auch? Sie war schließlich, wie sie war. Wem das nicht gefiel, der musste sie ja nicht heiraten.
Sie lernten sich in Karlsruhe in der Bimmelbahn kennen und hielten sich noch am selben Abend gegenseitig für eine ausgezeichnete Idee. Ausgepowert lagen sie sich im Futon seines City-Appartements in den Armen und lernten sich mit Caronas noch ziemlich gebrochenem Deutsch langsam kennen.
Caro erzählte von ihrem Venedig, ganz früh, wenn die Stadt noch den Leuten gehört, die dort wohnen, bevor die Touristen alles vereinnahmen. „Venedig ist nicht mehr Venedig“ und er nahm ihre Hand – und verstand sie.
Wochen jungen Glücks durchströmten das Appartement-Haus. Noch nie war er morgens beim Zeitung holen mit so viel Sympathie begrüßt worden. Der Brötchenkauf beim Bäcker wurde zur freudigen Prozession, und wenn sie ausgingen, wurden die Menschen um sie herum strahlend nett. Ihre Eifersuchtsszenen, vorgetragen, wie es nur Italienerinnen eigen ist, wirkten auf ihn anfangs wie ein wohltuendes Gewitter. Einer „Schlampe“ Trinkgeld gegeben und sie dabei auch noch angelächelt, einer Freundin den Stuhl angeboten und sogar zurechtgeschoben – Gründe fanden sich. Dann prasselte es Italienisch, laut und heftig, und anschließend folgte eine zärtliche Runde des Vertragens. Ihn irritierte das nicht. Anfangs.
Ob er wohl merkte, dass er erzogen wurde? Jedenfalls gab er von nun an Trinkgeld und lächelte Caro dabei an, schob einen Stuhl einladend vor, ohne dabei aufzustehen.
Das Zusammenleben mit einer Frau brachte so manchen Plunder vom Trödelmarkt ins Appartement. Diesmal war es eine ausgesprochen hübsche Tiffanylampe, für die er im Baumarkt alles zusammensuchen wollte, was nötig war, um sie fest in das Lichtkonzept des Appartements zu installieren. Das wollte er konzentriert und vor allem alleine erledigen. Mit gekonntem Augenaufschlag stellte Caro sich ihm in den Weg und bettelte darum, mitkommen zu dürfen. Sie versprach hoch und heilig, bei Maria und allen zwölf Aposteln, ihn im Baumarkt nicht zu stören.
„Jeder geht für sich und wir treffen uns an der Kasse“, sagte sie mit ihrem bezaubernden Akzent.
So machten sie es. Er fand Kabel, Steckdose, Putz, Schälchen, Spachtel und all das Zeug, das man braucht, wenn man eigentlich nur eine Lampe aufhängen will.
An der Kasse trafen sie sich wieder.
Er hatte alles.
Caro hatte eine Waage.
Sie brachten alles nach Hause, die Waage kam ins Badezimmer und am Abend gingen sie essen. Caro bestellte nur einen Salat. Warum nicht.
Am nächsten Morgen saß er bei seiner ersten Tasse Kaffee und blätterte in der Zeitung, als Caro aus dem Badezimmer gestürmt kam. „Stell dir vor, ich bin dümmer geworden!“ Sie riss ihm die Zeitung weg und pflanzte sich auf seinen Schoß. Eine ordentliche Ladung Kaffee schwappte über den Tisch. Aber sie waren glücklich.
Am Abend bestellte sie wieder Salat, diesmal aber auch noch das eine oder andere dazu.
Am nächsten Morgen schallte es aus dem Badezimmer: „Super! Ich bin schon wieder dümmer geworden!“
Wieder landete Caro auf seinem Schoß. Der Stuhl gab ein Geräusch von sich, er auch. Wieder schwappte Kaffee über den Tisch. Es lief hervorragend.
Am dritten Abend nahm sie zum Salat, worauf sie gerade Lust hatte.
Am nächsten Morgen holte er die Zeitung gar nicht erst und trank seinen Kaffee aus, bevor Caro ins Badezimmer ging.
„Ja, Maria Magdalena!“ Sie kam heraus. Schon wieder dümmer. Mit leuchtenden Augen nahm sie Anlauf auf seinen Schoß.
„Caro, Caro“, rief er und hob die Hände.
Sie hielt inne.
„Das heißt nicht dümmer. Das heißt dünner. Mit n. Dünner.“
Ihre Augen wurden zu Schlitzen.
Italienisch prasselte auf ihn nieder, schnell, laut und für ihn weitgehend unverständlich, dazwischen erstaunlich viele deutsche Schimpfwörter, nahezu akzentfrei.
„Du denkst also, ich bin zu fett? Ja? Das denkst du?“
Sie verschwand im Badezimmer, kam mit dem gläsernen Quadrat zurück und knallte es ihm vor die Füße. Die Waage zerbarst in tausend Stücke. Er stand ziemlich perplex zwischen den Scherben und hielt es für besser, die Wohnung zu verlassen.
Das war ein Fehler.
Als er zurückkam, war Caro verschwunden. Mit allem, was ihr gehörte.
Ein paar Wochen später sah er sie auf der anderen Straßenseite. Sie hatte einen Neuen.
Dünner war sie jedenfalls nicht geworden.










