Kinderblätter "Baum mit Früchtchen"

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Sonnenbrillenblues

Auf dieser Seite möchte ich Ihnen eine Art der kreativen Projektarbeit mit traumatisierten Kindern vorstellen. Die Einleitung zu dem Thema finden Sie hier

Im vorigen Kapitel haben Sie einige kreativpädagogische Konzepte und Techniken an einem Beispiel kennengelernt. Hier möchte ich Ihnen von einem anderen Kind erzählen: einem achtjährigen Mädchen mit schweren, traumabedingten Störungen.

Baum mit Früchtchen, Ausschnitt aus dem Kinderblatt
Baum mit Früchtchen, Ausschnitt aus dem Kinderblatt

Anfangs konnte ich das Mädchen nicht verstehen, so sehr ich mich auch bemühte. Ihre Sprache war für mich schwer verständlich. Sie wiederholte Wörter und Satzteile, begann bei manchen Wörtern leicht zu stottern, und im Verlauf längerer Sätze nahm der Stotterimpuls häufig so sehr überhand, dass sie kaum noch zum Ende kam. Das konnte wirklich dauern. Es war mir unangenehm, sie anschließend bitten zu müssen, alles noch einmal zu wiederholen. Aber häufig hatte ich tatsächlich nichts verstanden.

Im Gegensatz dazu fand ich schnell heraus, dass sie beim Singen keinen Stotterimpuls hatte. Es war aber zu viel von ihr verlangt sie zu bitten, was auch immer sie sagen möchte, es einfach zu singen, damit ich es verstehen könnte, denn ich kam nur ein bis zweimal im Monat in diese Einrichtung und musste jedes Mal „ihre Sprache“ neu lernen.


In allem war sie bescheiden und liebenswert, doch wenn ihr etwas „stank“ dann konnte sie das genaue Gegenteil sein, sie schrie unverständliches und dabei flog einiges durch die Luft. Sie beschäftigte sich gerne mit Malen. Malen war in erster Linie ausmalen, aber schon bald konnten wir das anspruchsvollere Ausmalen etablieren, Fenstermalfarben – und sie war fleißig.

Baum mit Früchtchen, Ausschnitt aus dem Kinderblatt
Baum mit Früchtchen, Ausschnitt aus dem Kinderblatt

Dem Gematsche und Gekrakel, was ich da so mache, konnte sie gar nichts abgewinnen, anfangs. Sie brauchte die feste Linie bis zu der sie penibel ausmalen konnte. Mein erster Schritt bestand darin es mit überlagernden Farben, mit Mischfarben zu versuchen und es fruchtete. Sie fing an in den engen Grenzen einer Vorzeichnung mit dicken, schwarzen Konturen immer wilder die Farben zu mischen und übereinander zu legen.

Aus dem obligatorischen Herzen mit Punkten drumherum – vielleicht Blumen? Ich wollte lieber nicht nachfragen – entwickelten sich nach und nach scharf konturierte Vorzeichnungen: Haus, Kind, Blume, Baum und Herzen. Die konnte sie. Später kam die Sonne dazu, erst als birnenförmiger gelber Knuddel mit dünnen Strichen als Strahlen, dann aber beherzt in die rechte Ecke mit richtig fetten Strahlen. Alles stand schön ordentlich auf der unteren Blattkante. Aus einem Herz wurde ein Schmetterling, und die fette Sonne zog oben rechts ein. Ich versuchte sie auf Ideen zu bringen, das Herz zu einem Schmetterling hatte sie angenommen, das machte Mut. Der Sonne vielleicht eine Sonnenbrille verpassen? Sie guckte mich an, kratzte sich am Kopf: Der Sonne eine Sonnenbrille? Du spinnst ja … und dabei fing sie an zu stottern und ich musste lange warten, bis sie beendet hatte, was ich mir schon nach den ersten Worten gedacht hatte, was sie gesagt haben wird, wenn sie fertig ist. Aber dann malte sie ihre eigene Vorzeichnung aus und es ging so richtig die Post ab. Ich merkte mir ihre Moves, denn dieses kreuz und quer war gar nicht so chaotisch, es hatte Rhythmus.

Aus dem vorigen Kapitel kennen Sie schon die Technik mit dem Kind seinen Bildaufbau zu besprechen und dazu seinen eigenen Entwurf zu machen. Ich wollte versuchen, sie von der unteren Blattkante zu lösen, und erhielt schweres Kontra. Also akzeptierte ich schließlich selbst die untere Blattkante. Wenigstens konnte ich herausholen, dass der Baum ja größer sein kann als das Blatt. Das ging gerade noch so durch. Das Haus sparte ich mir. „Man hätte doch jetzt mehr Platz zum Spielen“ ließ sie gelten – allerdings erst nach einem überaus langen Einwand.

Ein Baum mit Früchtchen, Kinderblatt
Ein Baum mit Früchtchen, RLP 2022, Projekt "Kreativpädagogik", aufbereitet als Giclée-Print bis zu einer Größe 60 cm x 84 cm - DIN A1

Der wollte ungefähr sagen, dass das Haus zum Spielen gut sei, wenn schlechtes Wetter aufzieht. Sie stotterte sich fest, kam nicht zum Ende, und dann erlebte ich den ersten vollumfänglichen synergetischen Kreativeffekt.

Stotterfrei sagte sie: „Wenn es regnet.“

Drei Worte, klar und deutlich. Heute, antwortete ich, wird es nicht regnen. Dann stürzte sich eine Bande Wespen auf die Farben. Sie schlug um sich, und ich öffnete beide großen Fenster. Die Wespen flogen nach draußen, in Richtung eines Pflaumenbaumes mit überreifen Früchten. So kam ich an den Schmetterlingen vorbei und malte krickelkrackel schwarze Insekten in meinen Entwurf – mit ihrem Einverständnis. Sie forderte mich auf alles jetzt auszumalen und es vielleicht mal mit Mischfarben zu versuchen.

Es ist immer ein gutes Zeichen, wenn das, was du selber als Input gegeben hast, plötzlich als eigene Idee des Kindes rezipiert wird. Ich stand aber weiter streng unter Beobachtung seit der Sonnenbrille, bis der letzte weiße Quadratmillimeter ausgemalt war.





 

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