Lesen lernen
Datum
Leuchtschrift noch dunkel, Aquarell auf Papier, ca 42cm x 29cm, Düren 1995
Es war schon dunkel geworden, als die Buchstaben angingen.
Rot leuchteten sie weit hinten über der Einkaufsstraße und verschwammen im Abendnebel mit dem gelben Licht der Schaufenster. Ganz in seiner Nähe flitschten grüne Buchstaben auf. DEICHMANN stand dort. Das wusste er natürlich nicht mit seinen fünf Jahren.
An diesem herbstlichen Abend in der Dürener Fußgängerzone, einer kleinen Stadt vor der Eifel, begriff er zum ersten Mal, dass all diese leuchtenden Zeichen etwas zu sagen hatten.
Und er wollte wissen, was.
Seine Mutter sagte es ihm. Beim nächsten Leuchtschild fragte er wieder. Und beim nächsten. Irgendwann bekam er keine Antwort mehr.
Sein älterer Bruder ging schon zur Schule und musste nachmittags immer dieselben Kringel auf Papier malen. Bis dahin hatte ihn das wenig beeindruckt. Jetzt setzte er sich daneben, nahm ein eigenes Blatt und kringelte mit.
Das ging ein paar Tage gut. Dann wurde es verboten. Er solle seinen Bruder bei den Hausaufgaben nicht stören.
Sein Bruder fühlte sich gar nicht gestört.
Er verriet ihm das Geheimnis.
Die Zeichen hatten Laute. Zog man die Laute zusammen, wurde daraus ein Wort.
Von da an wollte er abends immer mit, wenn jemand in die Innenstadt musste.
Die Stadt war voller Wörter.
Den ganzen Winter blieb das so. Die Leuchtreklamen zogen ihn magisch an, dann kam der Frühling, der Sommer strahlte über das Land und irgendwann bekam er seine Zuckertüte.
Und Fräulein Gräfe.
Sie war die wunderhübscheste Lehrerin, die er sich überhaupt hätte vorstellen können. Er war zum ersten Mal verliebt und tat, was ein verliebter Erstklässler eben tun konnte: Er zeigte ihr, wie gut er schon lesen konnte.
Das ging nach hinten los.
Beim Elterngespräch erfuhr seine Mutter, es sei für das Lernklima der Klasse nicht förderlich, wenn ein Kind zu Hause immer vorlernen würde. Seine Mutter wusste gar nicht, wie ihr geschah. Sie hatte mit ihm überhaupt nicht vorgelernt.
Aber wenn Fräulein Gräfe das sagte, musste wohl etwas dran sein.
Von nun an machte er manche Hausaufgabe zweimal, gelegentlich auch dreimal. Irgendetwas ließ sich immer finden.
Auch mit seinem Geburtstag war etwas nicht in Ordnung. Andere Kinder hatten Geburtstag und wurden in der Klasse gefeiert. Seiner fand nicht statt. Nicht im ersten Schuljahr. Auch nicht im zweiten.
Aus pädagogischen Gründen vermutlich.
Ein Neuer kam in die dritte Klasse.
Er hieß Metin und machte Sachen, die sich zuvor niemand getraut hatte. Mitten im Unterricht stand er auf und lief durch die Klasse. Manchmal packte er plötzlich seinen Ranzen und teilte mit, er gehe jetzt.
In den Pausen suchte er Streit. Jeden Tag einen anderen. Es endete immer gleich mit einer Rauferei bis zum Pausenende-Gong.
Eines Tages war er dran. Es überraschte ihn nicht.
Diese stille Gefasstheit schien Metin zu irritieren. Obwohl sie von Dutzenden Schülern umringt waren, die einen heftigen Schlagabtausch erwarteten, punchten sie nur ein wenig aufeinander ein, drehten sich dabei umeinander wie ein Tanzpaar und warteten eigentlich beide nur auf den Gong.
Als er endlich kam, war die Rauferei vorbei.
Gemeinsam gingen sie an den enttäuschten Mitschülern vorbei. Für beide fühlte sich das richtig gut an.
Auf dem Weg in die Klasse sprach Metin ihn an. Es hörte sich beinahe freundschaftlich an. Er aber hatte schon vor Augen, was zu Hause geschehen würde, sobald seine Mutter von der Sache erfuhr, und konnte darauf nicht recht eingehen.
Schade eigentlich. Sie hätten Freunde werden können – nach dieser gemeinsamen coolen Nummer.
Es blieb Metins letzter Auftritt auf dem Pausenhof. Kurz darauf wurde er von der Schule genommen.
Etwa drei Wochen später wurde sein Geburtstag zum ersten Mal mit der Klasse gefeiert.
Warum? Keine Ahnung. Erwachsene machten Regeln. Erwachsene änderten Regeln.
Die Rauferei selbst brachte ihm, wie erwartet, Stubenarrest bis zu seinem Geburtstag.
Da fing er an zu lesen.
Old Shatterhand und Winnetou machten den Anfang. Schon nach kurzer Zeit war ihm der Stubenarrest ziemlich egal. Er las alles, was ihm in die Finger kam, und bald so schnell, dass sich mit jedem neuen Buch ein ganz anderes Problem stellte.
Anfang der Woche begann er sich bereits Sorgen zu machen:
Wo bekam er das nächste Buch her?










