Alles gewonnen, alles verloren
Datum
Französischer Augenaufschlag
Einer von ihnen, der kleinste, ging sofort scharf auf Alvis los und ehe er sich versah. verpasste Alvis ihm einen Flug per Hüftwurf. Seit frühester Kindheit hatte er dreimal pro Woche trainiert, Judo, Jahr für Jahr, mit kurzen Ferienpausen. Das kommt ganz von alleine, es passiert automatisch, wenn einer aggressiv zu nahe kommt. Nicht einen Moment hatte er darüber nachgedacht, aber jetzt stiegen die Fragezeichen: „Was ist denn auf einmal los?“ Er suchte den Blickkontakt zu seinem Mädchen, doch der 16jährige verlangte jetzt seine volle Aufmerksamkeit, denn unbeeindruckt von Alvis Wurftechnik klappte er sein Laguiole auf und bewegte sich betont lässig aber katzengleich auf ihn zu.
Das Mädchen erschrak. Sie hatte genug Erfahrung.
Sie konnte sich denken, dass es schnell blutig werden könnte. Mit einem beherzten Schritt stellte sie sich zwischen Alvis und ihrer Clique und verbot dem Großen das Messer.
Der verbarg es daraufhin hinter seinem Rücken.
Alvis schlang seine Lederjacke um den Arm. Schutz und Fangwaffe zugleich.
In gebrochenem Deutsch, mit supersüßem Akzent und einem gekonnten Augenaufschlag erklärte das Mädchen ihm, dass dies ihre Geschwister seien.
Ihre Mutter brauche dringend Medizin, sonst werde sie sterben.
„Deshalb brauchen wir dein Geld. Gib es uns und keiner verletzt sich. Und du kannst deine Tasche behalten.“
Das Adrenalin war noch nicht heruntergekocht. Der inzwischen wieder berappelte Zwölfjährige schrie:
„Gib mir das Messer! Gib mir das Messer!“
Dann humpelte er auf Alvis los.
Genau in seine Faust.
Er klatschte rückwärts auf den gepflasterten Weg.
Der Große kam jetzt gebückt auf Alvis zu, das Messer in kurzen, hektischen Bewegungen vor sich führend.
Alvis spürte längst keine Angst mehr.
Eher Scham.
Er war betrogen worden.
Von dieser …, dieser Bitch, – das tat weh.
Er ging ebenfalls leicht in die Knie.
Kampfposition.
Das Mädchen schrie.
Das Laternenlicht flackerte.
Einer der Jungs kickte gegen den Mast.
Die Laterne ging aus.
Stockdunkel.
Der Große griff an.
Er wollte das Messer mit einem gezielten Schwinger über Alvis’ Augen ziehen, ihm die Augen aufschlitzen.
Alvis erwischte den Messerarm, drehte kurz daran.
Das Messer fiel zu Boden.
Das Mädchen schrie noch einmal.
Und im Dunkeln erkannte Alvis, dass sie selbst jetzt ein massives Küchenmesser mit beträchtlicher Länge in der Hand hielt.
Wenn er bis dahin noch geglaubt hatte, sie sei gezwungen worden oder mache eben nur mit, musste er jetzt einsehen:
Sein französischer Augenaufschlag war der Kopf der Bande.
Und er selbst war für sie wohl nur der Fisch an der Angel.
„Diese Luschen…“, dachte er und Adrenalin pochte durch geschwollene Halsadern, „…mache ich mit verbundenen Augen fertig.“ Er stockte – innerlich – keiner merkte es.
Ein Mädchen schlagen? Nie hatte er ein Mädchen geschlagen.
Sie war wirklich verzweifelt und sah auch noch so süß dabei aus.
Sie schaute kurz zu ihrem „Bruder“, der immer noch reglos auf dem Pflaster lag.
Der entwaffnete Große kniete sich zu ihm und schüttelte ihn leicht. Sein Kopf baumelte leblos von einer zur anderen Seite.
Alvis bekam einen Schreckschock, der ihm durch alle Glieder fuhr. Alle waren mucksmäuschen still und zur Bewegungslosigkeit erstarrt.
Dann endlich – bewegte sich der Junge doch noch. Er erbrach. Und alle guckten Alvis an, das Weiß ihrer Augen fokussierte sich anklagend aus der Dunkelheit heraus gegen ihn an, – aber – nochmal Glück gehabt.
Alvis war erst vierzehn und in vielem noch ein Kind.
In dieser Situation zeigte sich bereits schon eine weitsichtige Reife. Er musste so schnell wie möglich raus aus der Situation, das war ihm schlagartig klar. Die Alternative wäre gewesen, sie alle zu verjagen!, oder fertig zu machen?, oder was?
Vielleicht stirbt einer dabei.
Und die würden der Polizei in keinem Fall erzählen, dass sie gemeinsam einen Raub geplant hatten.
Alvis resümierte blitzschnell.
In den wenigen Sekunden, die ihm als Reaktion blieben, griff er nach der besten aller Möglichkeiten. Sein Vater, ein Schachspieler, wäre bestimmt stolz auf ihn gewesen, dachte er in diesem Moment und holte sich in Gedanken den Segen seines alten Herren es nicht auskämpfen zu müssen.
„Ist gut, ist gut.“
Er zeigte seine offenen Hände.
Kompromiss.
Verhandlung.
Das Mädchen stand im Dunkeln, die Meute hinter ihr.
Der Große kniete und hielt den Kleinen wie ein Baby im Arm.
Das Messer blitzte im Sternenlicht.
„Ist gut. Du willst mein Geld?“
„Ja. Gib es mir.“
„Ich gebe es dir. Aber nimm das Messer runter.“
Drei Sekunden lang geschah nichts.
Dann senkte sie das Messer.
Sie war wirklich fertig.
Alvis hätte mit ihnen jetzt leichtes Spiel gehabt, aber so abgezockt war er nicht und wollte es auch nicht wirklich.
Er griff in seine Unterhose.
Mit Schrecken streckte sie den Arm aus, das Messer plötzlich wieder auf Alvis’ Augenhöhe.
„Ruhig, ruhig“, flüsterte er ihr zu.
Er hatte seinen Fünfzig-D-Mark-Schein in der Hand.
Sie verstand, dass er das Geld an einem sehr geschützten Platz aufbewahrt hatte.
Ihre Vergangenheit löste offenbar manches in ihr aus, wenn ein Mann sich in die Hose griff.
Alvis hielt den Schein hoch, für alle sichtbar.
„Mehr habe ich nicht. Das ist alles.“
Der Schein wedelte sanft im Nachtwind.
Sie wollte auf ihn zukommen und ihn nehmen.
Alvis stoppte sie mit der anderen Hand.
„Messer weg. Wirf das Messer weg.“
Sie stockte.
Dann griff sie in derselben Bewegung nach dem Schein und warf gleichzeitig das Küchenmesser hinter sich.
Sie sagte etwas auf Romanes.
Die Jungs verließen den kleinen Platz und stützten dabei ihren Verletzten.
Sie ging als Letzte hinter ihnen her.
Drehte sich noch einmal um.
Zeigte den Schein.
Roch daran.
Schien zu genießen, dass Alvis’ Drache stieg, ohne dass er es unterdrücken konnte.
Schmunzelte mit einem unwiderstehlichen französischen Augenaufschlag.
Dann verschwand sie im Dunkeln.
Sein erstes echtes sexuelles Verlangen – weg.
Die Glocken schlugen zum Abendgebet.
Aus dem Augenwinkel fiel der Frau des Hauses auf, dass Alvis vielleicht etwas zu verträumt zu den beiden jungen Frauen hinüberblickte. Sie sprach ihn an und sah sich dabei in ihrer Familie um, ob ihn nicht jemand einmal vorstellen könnte.
Das rief sofort den Herrn des Hauses auf den Plan.
Der Metzgermeister zirbelte kurz an der Spitze seines Oberlippenbartes und bellte Alvis nicht unfreundlich, aber in einem festen, auffordernden Ton an.
Alvis verstand kein Wort, konnte sich aber natürlich denken, was gemeint war.
„Salut. Ich bin ein reisender Student und möchte Frankreich kennenlernen.“
Sein Schulfranzösisch veranlasste die Frau des Hauses, ihm in einfachem, deutlichem Französisch die Frage zu stellen, die sich eigentlich alle stellten.
„Ist das denn Ihr Hund?“
„Nein, ich habe ihn auf dem Weg getroffen und wir sind viele Kilometer zusammen gewandert“, übertrieb Alvis. „Aber Sie kennen doch seinen Namen?“, fragte er nach.
„Ah, nein. Es ist ein Berger. Berger noir. Ein Hund, der Schafe hütet. Eine Hunderasse.“
Sie musterte ihn kurz.
„Sind Sie aus Allemagne? Sie waren wohl lange unterwegs. Ihre Haare sind ganz lang“, bemerkte sie im Spaß. Die Mädchen kicherten.
Alvis nickte.
„Wir wissen nicht genau, wem er gehört. Wir dachten, er gehört zum Förster, aber andere sagen, er geht mit dem Schäfer. Er kommt jetzt zum dritten Mal …“
Das königsblaue Mädchen mit dem hellen Rock unterbrach sie.
„Zum vierten Mal.“
Die Mutter fuhr fort:
„Ja, zum vierten Mal zu uns.“
Sie machte eine kleine Pause.
„Wir geben ihm immer etwas zu essen.“
Dann sah sie Alvis an.
„Haben Sie auch Hunger?“
Das klang wie eine Einladung zu Tisch. Was sollte er sagen? Die Mutter fand es offenbar interessant, mit einem jungen Deutschen zu sprechen, vielleicht auch ein wenig zur Horizonterweiterung ihrer beiden Töchter.
Der Metzgermeister dagegen stand etwas seitlich, frei und nicht zugewandt. Alvis hatte auf seinen Trampfahrten gelernt, auf solche kleinen Zeichen zu achten.
Später würde er erfahren, dass er damit ganz richtig lag.
Der Mann hatte etwas gegen alles, was fremd war und Veränderung versprach. Nicht nur gegen Ausländer. Auch gegen Pariser und Küstenfranzosen. Deutsche mochte er besonders wenig. Vielleicht war das Ende der siebziger Jahre auch noch nicht weit genug vom Krieg entfernt, als dass man dafür eine Begründung gebraucht hätte.
Gern wäre er geblieben. Die beiden jungen Frauen gefielen ihm, und die Einladung hätte er gerne angenommen. Aber es war nicht rund und roch nach Verwicklungen. Daher münzte er die Frage geschickt in ein Kaufangebot um, das er ablehnte, weil er jetzt kein Geld dabei hatte. Sie lächelte nur und schickte die beiden Mädchen etwas zu holen.
Der schwarze Hund, seiner Aufmerksamkeit beraubt, setzte sich bei Fuß neben Alvis und schaute ihn an, als wollte er sagen: Wir sind doch ein ganz gutes Team, oder? Dabei leckte er sich erwartungsvoll das Maul.
Die beiden Mädchen kamen mit zwei Tüten und einem kleinen Päckchen zurück. Die Frau nickte zu Alvis , und die Mädchen traten gemeinsam vor und reichten ihm ihre Gaben mit einem kleinen Knicks.
So etwas hatte Alvis noch nie erlebt.
Er wurde sichtlich rot und stotterte irgendetwas, das wohl „Dankeschön“ heißen sollte. Die Mädchen kicherten, liefen zurück zur Mutter und hakten sich jede an einen ihrer Arme.
Die Herrin des Hauses verabschiedete das „gute Team“ mit bon voyage, alle Kinder, wie im Chor, machten es ihr gleich:
„Bon voyage.“
Der Metzgermeister sagte nichts und begab sich in sein Haus, doch alle anderen schauten den beiden noch lange nach.









