Alles gewonnen, alles verloren

Datum

Begegnung


Dann fand er die alte Bahntrasse. Die Schienen waren überwuchert, der Schotter stellenweise von Gras bedeckt.

Stillgelegt – vor langer Zeit.

Aber in die richtige Richtung.

Kein Zug.

Kein Auto.

Kein Mensch.

Nur braunes Gras.

Staub.

Dürre Büsche.

Sonne.

Ein Liter Wasser.

Baguette.

Tomaten.

Camembert.

Und die glänzenden Stiefel.

Schritt für Schritt.

Komisch.

Er blieb stehen.

Stille.

Er atmete tief durch.

Dann noch einmal.

War das sein Atem gewesen, der sich gerade so komisch angehört hatte?

Projektionsbild mit Zuschauer
Junglestep, Projektion Performance mit Overheadprojektoren in Köln, 2007

Als Tramper, auf sich allein gestellt, war Krankwerden eine ziemlich bedrohliche Sache. Auslandskrankenschein? Negativ.
Wenn man krank wurde, das hatte er erfahren müssen und in sein imaginäres Poesiealbum als Lebensweisheit eingetragen, war das Beste, was man machen konnte, man sonderte sich ab. Denn es tauchte unter all den netten, hilfsbereiten Menschen auch immer die eine Person auf, die sich an einem geschwächten Kranken scheinheilig und gratismutig bereichern wollte.

Immer.

Jedenfalls im Straßenmilieu.

Deshalb: besser in Deckung gehen und dort so lange bleiben, bis das Schlimmste vorbei ist – mit dem Risiko, dass es vielleicht doch schlimmer wird.

So wie Katzen es auch machen.

Aber hey, alles war gut. Sein Atem hörte sich ganz normal an.

Alles war still.

Kein Wind.

Kein Vogel.

Kahle Bäume zwischen immergrünen Büschen.

Kein einziger Laut.

Er ging weiter.

Schritt für Schritt.

Dann hörte es sich wieder seltsam an.

Er blieb stehen, hielt den Atem an.
Da war es.

Deutlich.

Hecheln.

Hinter ihm.

Ruckartig drehte er sich um.
Etwa fünfzig Meter entfernt setzte sich ein großer schwarzer Hund mit heraushängender Zunge auf die Schiene und guckte zu ihm rüber.

Der Junge blieb ruhig. Er hatte schon viel mit Hunden zu tun gehabt. Wer weiß, wem der gehört, dachte er sich und ging weiter, aber das Hecheln in seinem Rücken schien ihm immer deutlicher, ja, lauter und einfach unangenehm zu werden.

Er ging.

Der Hund ging.

Er blieb stehen.

Der Hund blieb stehen.

Und immer wieder dieses Hecheln.

Trocken.

Angestrengt.

Hinter ihm.

Nach einer Weile setzte er sich an den Rand der Strecke.

Der Hund blieb gut zehn Meter von ihm entfernt stehen.

„Hast du Durst?“

Er zog seine Flasche heraus, schraubte den Verschluss ab, goss das Wasser in seine hohle Hand und hielt sie ihm hin.

Der Hund senkte den Kopf, kam vorsichtig auf ihn zu und empfing die Hand.

Zunge auf Wasser.

Atem.

Noch mehr Wasser aus seiner Hand.

Und noch einmal.





 

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