Vom Voynich-Manuskript zur Indus-Schrift: Schrift, Religion und politische Ordnung zwischen Rätsel und Forschung

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Einleitung

Das Voynich-Manuskript, die Schrift der Induskultur sowie die sumerischen und akkadischen Texte gehören zu den faszinierendsten Hinterlassenschaften der frühen Schriftgeschichte. Sie führen jedoch zu sehr unterschiedlichen wissenschaftlichen Problemen:

Ein Vergleich dieser Kulturen zeigt, dass technische und administrative Komplexität nicht überall dieselbe politische oder religiöse Form annahm. Mesopotamien stellte Götter, Könige und Tempel monumental dar. Die Induskultur hinterließ dagegen vor allem standardisierte Städte, Wasseranlagen, Gewichte, Ziegel und Handelsobjekte – aber bislang keine eindeutig identifizierten Königspaläste oder Herrscherinschriften.

1. Das Voynich-Manuskript: viel Materialwissen, keine gesicherte Lesung

Das Voynich-Manuskript ist ein illustriertes Kodexmanuskript aus dem frühen 15. Jahrhundert. Die Datierung des Pergaments liegt ungefähr zwischen 1404 und 1438. Es enthält botanische, astronomische, biologische und möglicherweise pharmazeutische Darstellungen sowie einen umfangreichen Text in einer bis heute nicht überzeugend entzifferten Schrift.1

Die Forschung kann inzwischen relativ viel über das Objekt selbst sagen:

Die zentrale Frage bleibt jedoch offen: Handelt es sich um eine unbekannte natürliche Sprache, eine künstliche Sprache, eine komplexe Chiffre oder möglicherweise um einen Text ohne echte sprachliche Bedeutung?

Eine wichtige neuere Entwicklung ist die 2025 veröffentlichte Untersuchung des sogenannten Naibbe-Chiffres. Michael A. Greshko entwickelte ein historisch plausibles Verfahren, das lateinische oder italienische Texte mithilfe von Karten, Zufallsauswahl und mehrstufiger Substitution in eine Schrift verwandeln kann, deren statistische Eigenschaften teilweise an das Voynich-Manuskript erinnern. Das Verfahren entschlüsselt das Manuskript nicht. Es zeigt lediglich, dass die Chiffre-Hypothese technisch plausibel bleibt.2

Der wissenschaftliche Stand lässt sich daher so zusammenfassen:

Das Voynich-Manuskript ist nicht entziffert. Neue Arbeiten beschränken den Raum möglicher Erklärungen, liefern aber noch keine Übersetzung.

Behauptungen, das Manuskript sei vollständig als Latein, Hebräisch, Sanskrit oder eine andere Sprache gelesen worden, gelten nicht als anerkannt, solange sie nicht auf dem gesamten Korpus reproduzierbar funktionieren und von unabhängigen Forschern bestätigt werden.

2. Die Indus-Schrift: eine hochentwickelte Kultur ohne lesbare Selbstbeschreibung

Die Indus- oder Harappa-Kultur blühte in ihrer reifen urbanen Phase ungefähr zwischen 2600 und 1900 v. Chr. im heutigen Pakistan und Nordwestindien. Zu ihren Zentren gehörten unter anderem Harappa, Mohenjo-daro, Dholavira und Ganweriwala.

Archäologisch ist diese Kultur außergewöhnlich gut greifbar. Sie besaß:

Die Indus-Inschriften sind jedoch meist sehr kurz. Viele bestehen aus nur wenigen Zeichen; längere Inschriften sind selten. Das erschwert die Erkennung von Grammatik, Wortgrenzen und wiederkehrenden Satzmustern. Zusätzlich fehlt bisher eine zweisprachige Inschrift, die – wie der Stein von Rosette bei den ägyptischen Hieroglyphen – bekannte und unbekannte Schrift miteinander verbinden würde.3

Die Zahl der Zeichen ist ebenfalls umstritten. Je nachdem, wie Varianten und Ligaturen gezählt werden, reichen die Schätzungen von einigen hundert bis deutlich darüber. Daraus ergibt sich ein grundlegendes Problem: Handelt es sich um ein vollwertiges Schriftsystem, eine Logosyllabenschrift, eine Verwaltungsschrift mit begrenztem Wortschatz oder teilweise um symbolische Markierungen?

Die Indus-Schrift bleibt deshalb ungelöst. Computeranalysen können Zeichenfolgen, Häufigkeiten und Positionen untersuchen, ersetzen aber keine Entzifferung. Auch neuere KI- oder Vorabveröffentlichungen sind nicht automatisch Beweise. Entscheidend bleibt, ob eine vorgeschlagene Lesung:

  1. viele verschiedene Inschriften erklären kann,
  2. grammatische Regeln erkennen lässt,
  3. unbekannte Texte vorhersagbar lesen kann,
  4. mit Archäologie und Sprachgeschichte übereinstimmt,
  5. und unabhängig reproduziert wird.

3. Schildmanns Entzifferung

Kurt Schildmann vertrat eine Sanskrit- beziehungsweise „Paleo-Sanskrit“-Deutung der Indus-Schrift. Er behauptete, die Zeichen ließen sich über eine Kombination aus Lautzeichen, Silbenzeichen und Bildzeichen lesen. Als Schlüssel dienten ihm unter anderem Bildmotive auf Siegeln, die er als eine Art „bildliche Zweisprachigkeit“ interpretierte.4

Schildmanns Ansatz ist für die Forschungsgeschichte interessant, wird aber nicht als anerkannte Entzifferung behandelt. Der Hauptgrund ist nicht bloß seine Außenseiterstellung, sondern die fehlende externe Validierung:

Das bedeutet nicht, dass jede einzelne Beobachtung Schildmanns wertlos sein muss. Einzelne Zeichenvergleiche oder Hypothesen können interessant sein. Aber eine vollständige Entzifferung muss mehr leisten als sinnvolle Einzelübersetzungen. Sie muss ein geschlossenes, überprüfbares System liefern.

Die faire wissenschaftliche Formulierung lautet daher:

Schildmanns Arbeit wird nicht deshalb ignoriert, weil sie unkonventionell ist. Sie ist nicht in den Konsens aufgenommen worden, weil ihre Lesungen bisher nicht unabhängig, systematisch und reproduzierbar bestätigt wurden.

4. Religion in der Induskultur: Abwesenheit oder unsichtbare Religion?

Die Induskultur wird häufig als auffällig „religionslos“ beschrieben. Das ist jedoch zu stark formuliert. Richtig ist:

Aus dem Fehlen klarer Tempel folgt nicht, dass die Indusmenschen keine Götter verehrten. Möglicherweise fanden religiöse Praktiken in Haushalten, kleinen Schreinen, Wasseranlagen, offenen Plätzen oder in Formen statt, die archäologisch schwer erkennbar sind.

Ebenso ist es möglich, dass die politische Ordnung weniger stark auf öffentlich dargestellte Könige und Tempel konzentriert war. Standardisierte Ziegel, Gewichte, Städte und Wasseranlagen zeigen jedenfalls eine hohe Fähigkeit zur Koordination. Sie beweisen aber weder einen zentralen König noch einen autoritären Staat.

Es sind mehrere Modelle denkbar:

  1. ein zentral verwaltetes Reich,
  2. mehrere Städte mit gemeinsamen kulturellen Normen,
  3. ein Netzwerk lokaler Eliten,
  4. eine stärker kollektive oder institutionelle Stadtverwaltung,
  5. wechselnde politische Formen in verschiedenen Regionen und Perioden.

Die archäologische Situation erlaubt derzeit keine endgültige Entscheidung.

5. Sumer und Akkad: Götter, Tempel und politische Ordnung

In Südmesopotamien entwickelte sich eine andere Form urbaner Gesellschaft. Sumer bestand aus konkurrierenden Stadtstaaten wie Uruk, Ur, Lagasch, Umma und Nippur. Jede Stadt besaß eigene Schutzgötter, Tempel und politische Institutionen.

Der Tempel war nicht nur ein religiöser Ort. Er war zugleich:

Später traten Paläste und militärische Könige stärker neben die Tempelwirtschaft. In Akkadischer Zeit wurden religiöse Institutionen zudem in imperiale Herrschaft eingebunden. Der König stellte sich als von den Göttern legitimiert dar; Herrschaft und Religion waren dadurch eng verbunden.5

Die mesopotamischen Zikkurate waren erhöhte Tempelanlagen beziehungsweise monumentale Plattformen, die mit den Stadtgöttern verbunden waren. Ihre genaue ursprüngliche Nutzung ist im Detail nicht immer sicher, aber sie verkörperten die Verbindung zwischen Stadt, Tempel, Gottheit und politischer Ordnung.

6. Gegen wen wurden die Stadtmauern gebaut?

Die Existenz von Göttern und Tempeln machte menschliche Konflikte nicht überflüssig. Mesopotamien war politisch stark zersplittert. Stadtstaaten konkurrierten um:

Stadtmauern konnten gegen Nachbarstädte, lokale Fürsten, nomadische Gruppen, Aufstände oder räuberische Verbände schützen. Sie hatten außerdem andere Funktionen:

Die Aussage, dass die Götter die Menschen als Arbeitskräfte geschaffen hätten, stammt besonders deutlich aus dem akkadischen Epos Atrahasis. Dort rebellieren niedere Götter gegen die schwere Arbeit des Kanalbaus. Daraufhin werden Menschen geschaffen, um diese Arbeit zu übernehmen.6

Das ist jedoch kein nüchterner Bericht über eine frühe Verfassung. Der Mythos erklärt und legitimiert eine gesellschaftliche Ordnung:

Die Erzählung vom Menschen als Diener der Götter spiegelt somit wahrscheinlich auch die reale Erfahrung mesopotamischer Arbeiter und Bauern wider. Der Mythos macht aus gesellschaftlichen Pflichten eine kosmische Notwendigkeit.

7. Sumerisch und Akkadisch

„Sumer“ und „Akkad“ sind nicht einfach zwei völlig getrennte Zivilisationen.

Sumerisch ist eine Sprache, deren Verwandtschaft mit anderen bekannten Sprachfamilien nicht sicher nachgewiesen ist. Sie wurde vor allem im südlichen Mesopotamien verwendet und blieb lange eine wichtige Schrift- und Bildungssprache.

Akkadisch gehört dagegen zur semitischen Sprachfamilie. Es wurde in verschiedenen Dialekten gesprochen und geschrieben, darunter Babylonisch und Assyrisch. In der Zeit des Akkadischen Reiches und danach koexistierten Sumerisch und Akkadisch über Jahrhunderte. Sumerisch blieb auch dann noch eine gelehrte und liturgische Sprache, als Akkadisch zunehmend zur Alltagssprache wurde.

Die Keilschrift konnte beide Sprachen aufzeichnen. Das ist ein entscheidender Unterschied zur Indus-Schrift: Für Sumerisch und Akkadisch existiert eine große Zahl von Verwaltungsurkunden, Verträgen, Briefen, Rechts-texten, Schultexten, Hymnen und Mythen. Dadurch können Sprachentwicklung und gesellschaftliche Institutionen vergleichsweise gut untersucht werden.

8. Warum wirkt die Induskultur so anders?

Der Kontrast zwischen Indus und Mesopotamien kann auf mehrere Faktoren zurückgehen:

Unterschiedliche politische Systeme

Mesopotamien war durch viele konkurrierende Stadtstaaten geprägt. Diese mussten ihre Herrschaft sichtbar legitimieren. Tempel, Könige, Mauern und Kriegsberichte eigneten sich dafür besonders gut.

Die Induskultur könnte stärker integriert, stärker dezentralisiert oder politisch anders organisiert gewesen sein. Ohne lesbare Texte bleibt das offen.

Unterschiedliche Formen religiöser Darstellung

Mesopotamische Religion wurde in Tempelarchitektur, Statuen, Hymnen und Mythen ausführlich dargestellt. In der Induskultur erscheinen religiöse Vorstellungen möglicherweise stärker in kleinen Siegeln, Tiermotiven, Wasserpraktiken oder häuslichen Ritualen.

Unterschiedliche archäologische Überlieferung

Nicht jede politische Macht hinterlässt Paläste. Macht kann auch in Verwaltung, Normierung, Infrastruktur, Versorgung und Kontrolle von Handelswegen liegen. Moderne Staaten zeigen, dass starke politische Koordination nicht zwingend in Form königlicher Monumente auftreten muss.

Allerdings darf man diesen allgemeinen Gedanken nicht direkt als Beweis für die Induskultur verwenden. Dass die Indusgesellschaft standardisierte Städte baute, beweist noch nicht, dass sie stark zentralisiert oder besonders egalitär war.

9. Eine vorsichtige Gesamtsynthese

Der Vergleich lässt sich in drei Sätzen zusammenfassen:

  1. Mesopotamien ist eine schriftlich selbstkommentierende Gesellschaft: Sie erzählt von ihren Göttern, Königen, Tempeln und Konflikten.
  2. Die Induskultur ist eine archäologisch hochentwickelte, aber sprachlich stumme Gesellschaft: Wir sehen ihre Städte und Standards, verstehen aber ihre politische und religiöse Sprache nicht.
  3. Das Voynich-Manuskript ist ein materiell gut erhaltenes, aber semantisch verschlossenes Einzelobjekt: Hier kennen wir weder den Inhalt noch sicher den Zweck des Textes.

Das eigentliche Rätsel besteht deshalb nicht darin, dass eine Kultur keine Religion oder keine Herrscher gehabt haben müsse. Es besteht darin, dass unterschiedliche Gesellschaften ihre Ordnung auf sehr unterschiedliche Weise sichtbar machten.

Mesopotamien monumentalisierte Götter, Tempel und Könige. Die Induskultur monumentalisierte möglicherweise eher Stadtplanung, Wasser, Standardisierung und Handel. Ob dahinter eine zentralisierte Regierung, ein Netzwerk von Eliten oder eine andere Form sozialer Organisation stand, kann erst durch weitere archäologische Funde oder eine belastbare Entzifferung der Indus-Schrift geklärt werden.

Schluss

Die Forschung sollte daher drei Ebenen auseinanderhalten:

Beim Voynich-Manuskript ist sicher, dass ein mittelalterlicher Kodex mit ungewöhnlicher Schrift vorliegt. Beim Indus-Korpus ist sicher, dass eine hochentwickelte urbane Kultur mit einer bislang ungelesenen Zeichenwelt existierte. Bei Sumer und Akkad sind viele religiöse und politische Texte lesbar.

Nicht sicher ist dagegen:

Gerade diese Unterscheidung zwischen Befund und Deutung macht die vergleichende Forschung produktiv. Sie verhindert sowohl vorschnelle Entzifferungsbehauptungen als auch die ebenso vorschnelle Annahme, eine Kultur ohne lesbare Königs- oder Tempeltexte müsse religionslos oder politisch einfach gewesen sein.


Fußnoten

Ausgewählte Literatur


  1. Zur Datierung des Pergaments und zur materiellen Einordnung des Voynich-Manuskripts siehe die Bestände und Forschungsinformationen der Beinecke Rare Book and Manuscript Library der Yale University sowie die radiokarbondatierenden Untersuchungen am Pergament.↩︎

  2. Michael A. Greshko, “The Naibbe cipher: a substitution cipher that encrypts Latin and Italian as Voynich Manuscript-like ciphertext”, Cryptologia, online veröffentlicht 2025. Die Untersuchung beansprucht ausdrücklich keine Entzifferung des Voynich-Manuskripts, sondern zeigt eine historisch plausible Möglichkeit, Voynich-ähnliche statistische Eigenschaften zu erzeugen.↩︎

  3. Zur Indus-Schrift siehe Asko Parpola, Deciphering the Indus Script, Cambridge University Press, 1994; Iravatham Mahadevan, The Indus Script: Texts, Concordance and Tables, Archaeological Survey of India, 1977; sowie Jonathan Mark Kenoyer, Arbeiten zur Harappa-Kultur und zur Organisation der Indus-Städte.↩︎

  4. Kurt Schildmann, The Scripts of the Indus Civilization. Schildmanns Sanskrit-basierte Entzifferung wird in einschlägigen Darstellungen seiner Anhänger ausführlich präsentiert. Eine unabhängige fachwissenschaftliche Bestätigung seiner Zeichentabelle und Übersetzungen ist jedoch nicht etabliert.↩︎

  5. Zur politischen und religiösen Rolle von Tempeln im sumerischen und akkadischen Mesopotamien siehe Harriet Crawford, Hrsg., The Sumerian World, Routledge, 2013; Benjamin R. Foster, The Age of Agade: Inventing Empire in Ancient Mesopotamia, Routledge, 2016; sowie Mario Liverani, The Ancient Near East: History, Society and Economy, Routledge, 2014.↩︎

  6. Atrahasis, ein akkadisches Epos des frühen zweiten Jahrtausends v. Chr. Die bekannte Handlung verbindet den Konflikt der Götter über Arbeit und Bewässerung mit der Erschaffung des Menschen und der späteren Sintflut. Die Übersetzung und Interpretation einzelner Passagen ist in der Assyriologie differenzierter, als eine kurze Nacherzählung nahelegt.↩︎





 

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