Alles gewonnen, alles verloren

Datum

Okzitanien

s/w Fotografie, Kleinbild, Klötze in verschiedenen WEbenen

Er schüttete immer wieder etwas Wasser in seine Hand.

Der schwarze Hund leckte sie leer.

Er nahm selber noch einen Schluck und verstaute die Glasflasche.

Dann ging er weiter.

Der Hund folgte ihm – bei Fuß.

Sie gingen gemeinsam.

Gemütlich.

Nach jedem Kilometer machten sie eine Schluck-Wasser-Rast. So kamen sie nach Aucamville.

Mit dem letzten Tropfen Wasser.

Sie verließen die Bahntrasse über einen schmalen Fußpfad, der sie sicher durch das dornige Gestrüpp führte. Der schwarze Hund ging voran. Sie kamen direkt vor dem Eingang einer Metzgerei heraus.

Der Hund blieb stehen – als sei er angekommen.

Alvis auch. Geld hatte er keins mehr, Hunger schon.

Ein junges Mädchen sprang an der offenen Tür vorbei, hielt inne und kam zurück.

Sie schaute hinaus auf den schwarzen Hund.

Ihre Haare waren zu Zöpfen geflochten, mit blauen Schleifchen darin, dazu ein enganliegendes, langärmeliges königsblaues Shirt mit weitem, kreisrundem Ausschnitt, goldenes Kettchen, ein helles, weiß-rosa Röckchen mit Mustern und Tieren, weiße Midistrümpfe, brav hochgezogen, und etwas abgewetzte schwarzgelackte Riemchenschuhe. Ordentlich.

Das Mädchen sah aus, als hätte sie sich für etwas Besonderes angezogen, aber so war es hier schon immer, hier in der zweiten Reihe der Tourismusregionen direkt am Mittelmeer. Die Menschen legten hier schon immer großen Wert darauf stets gut, geschmackvoll, aber auch praktisch gekleidet zu sein, sogar der Bauer auf dem Feld, sogar die Kinder beim spielen.

Überraschung in ihren großen Augen, dann ein heller Freudenlaut.

Richtig laut.

Sofort kamen Fragen aus dem Haus.

Treppengepolter.

Eine Seniorenstimme.

Und dann kamen sie – bestimmt längst noch nicht vollzählig – die Metzgerfamilie.

„Salut, Beger!“

Fünf Kinder tanzten um den schwarzen Hund herum, alle gekleidet, als würden sie gleich in die Kirche gehen.

Pfötchen, Streicheln, Schwanzwedeln in Hochfrequenz.

Der Hund ließ alles über sich ergehen und schien es sehr zu genießen. Alvis schaute der Prozession aus gebührendem Abstand zu. Dieser Hund ist wohlbekannt, begriff er.

Der Metzgermeister kam hinzu.

Alltagsanzug mit Jackett, keine Kopfbedeckung – das war hier eher selten.

Er trug einen geschwungenen, langen, aber gepflegten Oberlippenbart, dessen Spitzen die Breite seines schmalen, lachenden, den Kindern zugewandten Gesichts etwas vergrößerte. Alle redeten durcheinander, quiekten und tobten, streichelten und redeten kreuz und quer.

Alvis verstand nichts und niemand interessierte sich für ihn. Das war ihm ganz recht.

Dann erschien die Frau des Hauses.

Mit ihr kamen zwei weitere junge Frauen, ihre Töchter. Alle drei trugen weiße Schürzen mit Spitze, weiße Kopftücher und Stiefel. Die weißen Kopftücher wirkten so straff, dass kein Haar auch nur die kleinste Chance gehabt hätte, sich irgendwohin zu verabschieden. Hygiene großgeschrieben.

Die Szenerie wurde mit einem Schlag ruhiger.

Alle schauten zu der Frauengruppe und immer wieder fiel ein freudiges „Maman“.

Die Frau lächelte.

Die Mädchen auch.

Der schwarze Hund machte seltsame Kopfbewegungen und ging langsam auf die Frau des Hauses zu.

Sie sprach mit ihm.

Der schwarze Hund hörte ihr aufmerksam zu, als wäre das jetzt etwas ganz anderes als das Begrüßungsgetöse der Kinder.

Als sie ihn anfasste, ließ er sich sofort auf den Boden fallen.

Er streckte den Bauch nach oben, entblößte dabei auch sein Geschlechtsteil und strampelte mit den Pfötchen Löcher in die Luft. Sein Kopf flog dabei von einer Seite zur anderen.

Alvis hatte angenommen, dass er männlich war. Ja, das war er.

Mit behutsamen Griffen tastete die Frau ihn ab wie eine Tierärztin, nahm sich Fellregionen vor, in die sie tiefer hineinblickte. Die Kinder wurden still.

Vielleicht wollte sie sehen, ob der Hund Flöhe hat?

Alvis kratzte sich unwillkürlich am Arm.

Am Kopf juckte es jetzt auch.

Er unterließ es.

Er hielt es aus.

Er wollte nicht unter den Verdacht geraten, Ungeziefer mit sich herumzutragen.

Zufrieden ließ die Frau des Hauses von Beger ab. Nun kauerten sich die beiden jungen Damen dazu und streichelten ihn ganz sanft.

„Ach, wäre ich nur dieser Hund“, dachte Alvis.

Schon in Berlin hatte er sich recht kurz gehalten mit neuen Frauenbekanntschaften, um sein Ziel bloß nicht aus den Augen zu verlieren und nun meldeten sich Bedürfnisse an. Er musste an seine erste echte sexuelle Begegnung seines Lebens während seiner allerersten Tramp-Fahrt nach Frankreich denken.

Mit vierzehn war er doch tatsächlich für Französinnen nach Paris getrampt. Seitdem wusste er, wie schnell ein hübsches Gesicht einen Reiseplan durcheinanderbringen konnte.

Dieser hübsche Akzent.

Diese französische Art.

So ein typischer französischer Mund, eine französische Nase und erst dieser französische Augenaufschlag.

In seiner Klasse hatten damals, außer den drei Strebern und ihm, plötzlich alle eine Freundin.

Fast alle gleichzeitig.

Er fand keine, die über nett hinausgekommen wäre. Diese Zungenküsse, irgendwie ekelig. Alle wollten jetzt immer Zungenküsse machen. „Hast du sie geküsst?“, wurde gefragt wenn es um Mädchen ging und wurde dann blöd grinsend dazu triumphierend genickt, kam immer direkt die Nachfrage:„Mit Zunge?“ E-kel-haft!

Sein Herz hing an Maria Schneider – wie sie sich nannte. Liebe auf den ersten – und auch einzigen Blick. Aber das reichte ihm um zu wissen, was er eigentlich wollte.

Den Film hatte er heimlich sehen können: „Der letzte Tango in Paris“.

Alternativ stand er noch auf Lieutenant Uhura von Raumschiff Enterprise.

Bei der machte er sich damals allerdings gar keine Hoffnungen.

Immerhin war sie Offizierin.

Kommunikationsoffizierin.

Aber er sah sie gerne.

Seine Eltern lebten damals in Scheidung. Das selbstgebaute Haus verwaiste.

Der Vater war weg, die Mutter dann auch.

Irgendwann trafen sie aufeinander, und irgendetwas ging krachend und endgültig zu Bruch.

Dann kamen Oma und Opa.

Oma blieb.

Opa kam ab und zu.

Und Alvis konnte hier im Haus schlafen, oder bei Opa, oder bei Papa.

Oder nach Paris trampen.

Wegen des französischen Augenaufschlags.

Keiner merkte es.

Auf wundersame Art und Weise schien es Wirklichkeit zu werden, nie vorher in seinem langweiligen Dasein hüpfte sein Herz so stark, so laut vor Freude, weil er es tatsächlich gewagt hatte, es einfach gemacht hatte, es durchzog und endlich, 50 DM Monatstaschengeld noch vorher abgefragt und auch bekommen, endlich, endlich in die Welt, ins richtige Leben.

Kaum in Paris angekommen, landete er auf Montmartre und lernte auch gleich eine sehr hübsche vierzehnjährige Französin kennen und wusste jetzt, dass er alles richtig gemacht hatte, genau so war die große, weite Welt, ein einziges Fest der Sinne und der glücklichen Begegnungen.

Sie erzählte ihm in gebrochenem, süß akzentuiertem Deutsch, so wie er es sich immer vorgestellt hatte, von ihrer Roma-Familie und nahm ihn mit zur Kirche.

Auf einem Platz noch unterhalb von Sacré-Cœur, warteten schon sechs Jungs, zwischen zwölf und sechzehn Jahre alt.





 

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