Alles gewonnen, alles verloren
Datum
Transit

Der Fahrer wischte seine Einwände beiseite. Alvis sah auf die Kilometer. Bis Magdeburg hatte er noch ungefähr achtzig Kilometer Zeit.
So rächte sich das Vordrängeln vor den Studenten.
Kharma, blink, blink, ertönte es laut und warnend in seinem Schädel. Wie ein Hund musste er sich kurz schütteln, aber er sah ein, dass er in einem sächsischen Bonnie-und-Clyde-Roadtrip gefangen war, mit einem ähnlich vorhersehbaren Ausgang. Wenn dieser Mann tatsächlich von der Transitstrecke abfuhr, würden sie nicht darüber diskutieren, ob er sechzig oder hundertsechzig gefahren war.
Alvis wurde zunehmend unruhig. Das bemerkte langsam auch sein Fahrer.
„Ich kann dich vorher auf einem Parkplatz rauslassen.“
Das machte die Sache für Alvis nicht wirklich besser. Der Mann wollte also abfahren, seine Tüten übergeben und anschließend denselben Parkplatz wieder ansteuern.
„Du kommst doch gar nicht wieder auf den Parkplatz.“
„Wieso?“
„Du müsstest erst wieder Richtung Berlin, die nächste Abfahrt runter und dann wieder Richtung Helmstedt.“
Langsam dämmerte Alvis, dass sein Schicksal an einem völlig ahnungslosen, verliebten Reichen, Beruf Sohn, hing.
Sicher würden sie eingebuchtet.
Aber der hier würde sich wahrscheinlich rasch freikaufen können.
Und was machen die mit mir?, dachte er, verloren in die Wintersonne hineinblinzelnd, die auch keine Lust mehr hatte und anschickte, sich hinter den DDR-Horizont fallen zu lassen.
Das könnte ein längerer Aufenthalt werden. Vielleicht vier Monate DDR-Knast statt vier Monate Südfrankreich. Immerhin machte der Sohn reicher Eltern Fortschritte.
Ursprünglich hatte er mal eben die Eltern seiner Verlobten besuchen wollen. Sie wohnten, wie er versicherte, ganz in der Nähe der Autobahn. Nach einigen weiteren Kilometern hatten sie sich auf einen neuen Plan geeinigt.
Sie würden nicht nach Magdeburg fahren.
Sie würden den letzten Rastplatz vorher ansteuern und versuchen, die vier Tüten ehrlichen Magdeburgern zu treuen Händen mitzugeben.
Alvis lehnte sich zurück.
Das war zwar immer noch keine besonders gute Idee. Aber eine, bei der er wenigstens nicht eine Woche irgendwo auf seine erste Vernehmung warten würde.
Die Musik lief wieder.
Alvis hatte sich nicht blöd angestellt.
Er saß nur im falschen Auto.
Vor ihnen lag Magdeburg.
Sie steuerten die Raststätte an.
Während Alvis zur Toilette ging, fand der Sohn reicher Eltern tatsächlich ein freundliches Magdeburger Ehepaar, das nur zwei Straßen von der Wohnung seiner Geliebten wohnte – so ein Zufall.
Als Alvis zurückkam, stellte der Fahrer gerade die vier Einkaufstüten vorsichtig in den Kofferraum des Trabis.
Er zog zwei Päckchen Kaffee wieder heraus.
„Für euch.“
Das Paar bedankte sich, er bedankte sich, alle lachten. Dann stiegen alle in ihre Autos und fuhren los.
Gute Musik, ein paar nette Gespräche, die untergehende Sonne – und auf einmal waren sie schon am Checkpoint.
Noch vor der Kontrolle wurden sie von zwei Beamten aus der Schlange gewunken und auf einen Sonderparkplatz geleitet. Jetzt wurde auch der Sohn reicher Eltern ein wenig wibbelig. Sie mussten ihre Ausweise abgeben und wurden getrennt.
Zwei Stunden saß Alvis in einem kargen Raum.
Ein Tisch, zwei Stühle, ein vergittertes Fenster.
Dann kam ein Offizier.
Er wollte wissen, wer Alvis war, woher er den Fahrer kannte und was er mit der Übergabe zu tun hatte.
Anhalter.
Dreilinden.
Gar nichts.
Das ging schnell. Danach saß Alvis noch einmal zwei Stunden in dem Raum. Schließlich kam ein Beamter herein, gab ihm den Ausweis zurück und wies zum Sonderparkplatz.
Von weitem sah Alvis den Sportwagen. Sein Fahrer saß bereits darin und fuhr an.
Alvis rannte los.
Kurz vor dem Kühler blieb er stehen.
Der Wagen hielt.
„Du kommst nicht ohne mich über die Grenze. Wir sind zusammen eingecheckt worden, wir müssen zusammen wieder raus.“
Das verstand der Fahrer jetzt sofort, dank seiner steilen Lernkurve über die zu erwartenden Gepflogenheiten von DDR-Grenzbeamten.
Er griff hinüber und öffnete die Beifahrertür. Beim Einsteigen sah Alvis das Ehepaar vom Rastplatz. Die beiden kamen gerade aus einem Polizeibus. Vier Soldaten führten das Paar ab, so sah es jedenfalls für Alvis aus. Die Gruppe verschwand in einem bungalowartigen Gebäude mit zwei mächtigen Kübelpflanzen vor dem Eingang. Nur nebenbei registrierte Alvis die heitere Stimmung der gesamten Gruppe, auch die des älteren, vermeintlich abgeführten Ehepaares.
Aber Alvis’ Aufmerksamkeit wurde direkt von der grottenschlechten Laune eines zermürbt aussehenden Sohnes reicher Eltern in Beschlag genommen.
„So ein Mist“, beklagte sich der Fahrer. „Jetzt bin ich wirklich schlecht gelaunt. Wirklich schlecht.“
Und so ging es weiter.
Alvis sagte lieber nichts.
Im Schritttempo fuhren sie durch die Kontrolle.
„Hör mal, ich lass dich gleich raus. Versteh bitte, ich hab keine Lust mehr. Ich fahr nach Helmstedt in ein Hotel.“
Wie nett er das sagte.
„Schon okay.“
Auf einem dunklen Parkplatz hinter der Grenze stieg Alvis aus.
Gefühlte minus sechzehn Grad.
Müde.
Schlafplatzsuche.
In einer Hochhaussiedlung stand eine Kellertür offen.
Unter den hunderten, mit Holzgittern abgetrennten Kellerboxen fand er eine, die kein Schloss hatte. Darin stand nur eine halb abgebeizte, alte Kommode. Platz genug, um dahinter seinen Schlafsack auszurollen, dachte er und schob sie als Sichtschutz weiter nach vorne. Die Lederjacke diente ihm als Kopfkissen.
Stunden später wachte er auf, packte im stockfinsteren alles schnell zusammen. Alles hatte seinen Platz, alles hatte seine Handgriffe. Er brauchte dazu kein Licht. Durch den schwarzen Kellergang tastete er sich zur Treppe und nach oben.
Es war noch dunkel.
Aber draußen setzte bereits der Berufsverkehr ein.
Alvis hatte seine eigene Tramperphilosophie. Sie verlangte eine harmonische zeitliche Einpassung in die Prozesse und Bewegungen des Außens. Nicht hetzen. Bloß nicht hetzen, auf keinen Fall. Nicht dem Bus hinterherlaufen, sondern zügig und locker seinen Weg machen. Genau dann an der Haltestelle ankommen, wenn der Bus oder die Straßenbahn gerade eintraf – ohne den Fahrplan zu kennen.
Wenn man sich in der richtigen Zeitebene bewegte, davon war er überzeugt, wartete man nie und alles kommt, wie es kommen soll.
Der Weg zum Ziel harmonisiert sich von alleine.
Immer wieder hatte er erlebt, dass es genau so funktioniert hat. Auch an diesem Tag. Am Abend war er bereits vor Aachen. Von dort weiter nach Charleville-Mézières, eine Station, die er häufiger besuchte und wo er inzwischen Freunde hatte. Durch sie bekam er Kontakt zu einem belgischen Fernfahrer und der fuhr am nächsten Tag nach Toulouse. So einfach war trampen.









