
„Wo ist denn Alvis? Kommt der nicht mehr?“
Der Einschaler zog die Arbeitshandschuhe aus und stopfte sie in die Hintertasche seines Blaumanns. Die Männer vom Tiefbau begaben sich mit dampfendem Kaffee in Plastikbechern an die lodernde Brandtonne und wärmten sich die freie Hand mit leicht winkenden, fast schon beschwörenden Bewegungen, als wollten sie das Feuer verzaubern. Sie hatten die Kragen ihrer Arbeitsjacken hochgestellt und bis unters Kinn zugeknöpft. Seit Silvester drückten kalte Böen aus der Sowjetunion die Temperaturen in Westberlin unter minus zehn Grad, und es sah nicht so aus, als würde sich daran in nächster Zeit etwas ändern.
Alvis war der Smutje dieser Baustelle gewesen, das Mädchen für alles. Von weitem sah das wegen seiner bis über die Schultern wallenden, schillergelockten Haarpracht tatsächlich ein wenig danach aus. Die breiten Schultern, kräftigen Arme und Beine klärten den Irrtum allerdings schnell auf.
Die Arbeiter ahnten schon, dass sie es irgendwann selbst sein würden, die Rüttelmaschine und Presslufthammer bedienen werden. Sie wussten, dass dem Jungen nur der Mindestlohn gezahlt wurde. Das hielt einen Arbeiter nicht lange auf einer Baustelle.
Alvis ging nicht, weil er zu wenig Geld bekam.
Er ging, weil er sein Ziel erreicht hatte.
Vier Monate Miete für sein kostbares Apartment im Wedding waren bezahlt. Vier Monate im Voraus. In einer Stadt, in der man eine solche Wohnung nicht so einfach finden konnte.
Der Rest war Reisegeld.
Der Vertrag über sechs Monate war gerade ausgelaufen. Der Vorarbeiter drängelte, wenigstens bis zur Beendigung des Bauabschnitts zu bleiben. Aber Alvis wollte nicht verlängern.
Statt eines Jahres hatte der Personalchef ihm von Anfang an nur sechs Monate angeboten. Selber schuld. Nur Sieben Mark fünfzig die Stunde statt der üblichen neun. Alvis hatte zugestimmt. Die Baustelle lag in der Nähe, er konnte sofort anfangen und musste nicht erst wochenlang nach einer anderen Arbeit suchen. Außerdem gab es Überstunden mit fünfzig Prozent Zuschlag. Im Sommer und Herbst war davon reichlich angefallen.
Jetzt war Winter. Und Südfrankreich wartete. Ein Wochenende nach seinem letzten Baustellentag war er bereits auf dem Weg nach Dreilinden.
Von weitem sah er die riesige Schlange Studenten, die ihre selbstgemalten Schilder den vorbeifahrenden Autos entgegenhielten.
Ihre Zielorte standen darauf. Schön ordentlich. Alvis hatte keins, wozu auch. Von hier aus gab es nur eine Richtung, die Transitstrecke durch die DDR, Potsdam, Magdeburg, Helmstedt.
Es stöhnte in ihm auf. Er war nicht gerade mit übermäßiger Geduld gesegnet. Die letzten Jahre hatte er durch seine Trampfahrten gelernt zu warten, sich zu positionieren, still zu sein und im rechten Augenblick Aktion zu bringen, aber eben angelernt, nicht in seinen Genen.
Irgendwann werde ich schon dran sein, dachte er.
Wichtig war sein kleines Apartment im Wedding. Vier Monate Miete im Voraus bezahlt, achtzig Mark übrig.
Das war Freiheit.
Und so vernünftig, lobte er sich.
Als er das erste Mal nach Paris getrampt war, hatte er nur fünfzig Mark dabei gehabt. Die waren ihm direkt auf dem Montmartre, vor der Basilika Sacré-Cœur, von einer Straßengang abgenommen worden.
Mittlerweile war er kein Anfänger mehr, hatte jetzt achtzig Mark, ein eigenes Rückzugsapartment und war seit über einem halben Jahr volljährig.
Das waren schon erheblich bessere Voraussetzungen, um eine gute Zeit zu haben.
Die Devise hieß: sich nicht blöd anstellen.
Und genau das hatte Alvis auch nicht vor, als der Sportwagen ausgerechnet bei ihm anhielt.
Zack, saß er drin.
Hinter ihm erhob sich vielstimmiges Protestgeheul von all den Studenten, die eigentlich vor ihm dran waren.
Hatte er mit denen einen Vertrag?
Nicht wirklich, oder?
Entspannt und froh, dem unwirtlichen Wetter entgangen zu sein, erwiderte Alvis den Smalltalk des Fahrers. Der Mann war Mitte dreißig, sportlich, gut gekleidet, Freizeitkleidung mit Krokodil drauf. Gegen die tiefstehende Wintersonne trug er eine verspiegelte Sonnenbrille. Als er sich vorstellte, nahm er sie ab.
Gut erzogen.
Kaum lag Dreilinden hinter ihnen, nahm er die Brille noch einmal kurz ab und sah Alvis mit einem bedeutenden Lächeln an. Seine in Lachfalten gelegenen blauen Augen strahlten, er setzte die Sonnenbrille wieder auf und ließ den Motor aufheulen.
Hundertvierzig. Hundertfünfzig. Hundertsechzig.
„Nein, nein. Brems ab. Abbremsen, schnell!“
Der Mann lachte. „Wird dir schlecht?“ „Glaub mir, wir werden hier jede Sekunde beobachtet. Das wird ein teures Vergnügen für dich.“ Wieder nahm er die Brille ab und sah seinen langhaarigen Beifahrer an.
„Wo siehst du denn Polizei? Hat was geblitzt?“
„Wenn wir am Checkpoint vor Helmstedt sind, werden sie dir schon die Quittung präsentieren.“ Er fuhr langsamer, aber es fiel ihm schwer, sich an die Geschwindigkeitsbegrenzungen zu halten. „Und bei den markierten Baustellen musst du runter. Auch wenn da überhaupt keiner arbeitet. Wenn da sechzig steht, fährst du sechzig. Sonst wird’s richtig, richtig teuer.“ Alvis war sich nicht sicher, ob er das verstanden hatte.
Sie hörten wohltemperierte Rockmusik und irgendwann begann der Mann von einer Frau zu schwärmen, die er in Ostberlin kennengelernt hatte.
Eine wunderbare Frau.
Wie verliebt er sei.
Wie lange er auf so etwas gewartet habe.
Sie lebte mit ihren Eltern in Magdeburg.
Darauf folgte eine kleine Pause. Der Mann wechselte die Kassette. Nazareths „Love Hurts“ passte gut zur Winterlandschaft und noch besser zu seinem Verliebtsein.
Mitten im Song drehte er die Musik leiser.
„Ich fahr kurz runter. Nach Magdeburg rein. Nur schnell die Einkaufstüten abgeben.“
„Was?“
Alvis sah ihn an.
Nein, nein, beruhigte ihn der Fahrer. Er wolle doch nicht nach Magdeburg hinein. Nur kurz von der Transitstrecke runter, die Tüten übergeben und gleich wieder drauf.
Alvis sah nach hinten.
Auf den beiden Notsitzen standen vier gewaltige Einkaufstüten. Oben lugten Kaffeepäckchen heraus.
Vier Tüten.
„Die willst du da abgeben?“
„Ja.“
„Und dann?“
„Dann fahr ich wieder auf die Autobahn.“
Der Mann sagte das mit einer Selbstverständlichkeit, als ginge es um eine Tankstelle. Alvis versuchte es noch einmal. Vorsichtig. Dann etwas weniger vorsichtig.
Das hier war eine Transitstrecke durch die DDR.
Man fuhr in Dreilinden hinein und bei Helmstedt wieder heraus.
Dazwischen verließ man sie besser nicht, schon gar nicht mit vier Einkaufstüten voller Westwaren.