Eine gute Freundin, oder Bekannte ist gegangen


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…das aber schon letzten Herbst. Und wie der Titel euch verrät, ist für mich immer unklar gewesen, ob Sie nun eine Freundin war, oder nur eine Bekannte. Tatsache ist, dass sie mir immer geholfen hat, direkt, ohne nachzufragen. Aber das hat sie für jeden getan, ob sie ihn nun gut kannte oder erst kennenlernte.

Gemeldet hatte sie sich allerdings kaum bei mir und als ich merkte, dass sie mich nie besuchte, in Jahren nicht ein einziges mal, mich auch nie anrief, oder überhaupt mit mir von sich aus in Kontakt trat, unterließ ich es irgendwann sie zu besuchen. Daher kommt auch meine im Titel ausgedrückte Ambivalenz, wobei eine gute Bekannte zu haben ja ebenso das Leben reicher macht.


Steinmetzmeisterin, Lack auf Rohkarton 2017
Steinmetzmeisterin,2017, Lack auf Rohkarton in Epoxyd getränkt, 80cm x 60cm

Das Bild erzählt von dem Wesen einer fröhlichen Bildhauerin. Sie wurde in expressiver Weise mit hurtigem Pinselstrich aufgetragen. Die übereinandergelegten Farbflächen für ihre Kleidung dokumentieren ein zwiebelmäßiges Outfit, wie es Menschen tragen, die zu kälteren Jahreszeiten im Außenbereich arbeiten. Sie scheint kleiner zu sein als der Betrachter, aber ihr ganzes Wesen drückt Zuversicht aus: Wir machen das schon. Probleme? Wo? Also, ich hab` keins, will sie uns sagen. Sie ist das lebendige Wesen in diesem Bild, während alle anderen Bildbereiche ihrer Welt als schablonenhafte Variablen in vektorgrafischer Weise dargestellt sind. Ihr geselliges Gemüt wird durch eine zweite Person unterstrichen, die beste Freundin, auch schablonenhaft symbolisch gemalt als Platzhalter für eine unüberschaubare Menge an Freunden und so sind es hier jetzt auch schon drei, denn der Betrachter wird offensichtlich mit einbezogen.

Zufällig trafen wir uns mal auf einem Weihnachtsmarkt. Weder sie noch ich hatten auch nur eine Spur eines Ressentiments, es war so als ob wir uns gestern das letzte mal gesehen hatten, wie es eben nur unter Freunden möglich ist.

Danach habe ich sie noch zweimal besucht, mit einer Jugendlichen und das letzte mal mit einem autistischen Jungen, denn ich bin auch als diplomierter Sozialarbeiter unterwegs. Dieser Beruf hat Heike ganz besonders gut gefallen. Vor Jahren hatte ich ihr einen Trägerkontakt verschafft, für den sie mehrmals eine Jugendliche in Pflege nehmen konnte.
Sie war alleinerziehend und hat eine Tochter hinterlassen, die jetzt volljährig ist. Damals war sie 14 und bekam viel Besuch von Freundinnen und manchmal auch von Jungs. So passte es gut, zumal der Hof, den Heike sich vor vielen Jahren gekauft hatte, recht groß ist. Die Wochenenden erinnerten an das Treiben in einem gut besuchten Jugendzentrum.

Die Divergenz begann als ich für den besagten Träger nicht mehr arbeiten wollte, denn ich kam hinter ein Geschäftsgebaren, was die zu betreuenden Kinder und Jugendliche schädigte, Hilfsbereitschaften ausnutzte und die gesamte Profession in ein schräges Licht stellte. Sie warben z.B. mit sozialpädagogischer Lebensgemeinschaft, meinten damit das Engagement von Heike, buchten mich dazu als Kollegenberatung und Reflexion 2Std pro Woche und kassierten für die durchweg schwierigen Fälle zwischen 7800 und 9200 €, Als es dann mit Heike lief, das Kind sich eingelebt hatte, wurden meine Stunden auch noch gestrichen. Daraufhin empfahl ich ihr, Druck beim Träger zu machen, dass er wenigstens ihre Ausbildungskosten zum Sozialarbeiter übernimmt. Wie naiv, denn bei genauem Hinschauen hätte mir doch schon von Anfang an auffallen können, dass da was nicht stimmt. Schon beim Einführungsgespräch mit dem Träger wurde vereinbart, dass weder Heike noch ich Kontakt zum Herkunftsjugendamt aufnehmen sollten. Ich hielt das aber für eine typische Floskel, denn natürlich will niemand, dass fallführende Sachbearbeiter beim Jugendamt dauernd, oder wesentlich über das Hilfeplangespräch hinaus, mit Einzelfallproblemen konfrontiert werden. Heute weiß ich, dass es nur darum ging den Batzen Geld gegen mein Einwirken abzusichern. Deshalb kamen die Kinder immer von weit her und der Kontakt zum Jugendamt sollte durch mich nie stattfinden.
Ich redete mir den Mund fuselig an Heike und wollte, dass sie aufhört mit diesem Träger überhaupt noch zusammen zu arbeiten, aber sie hörte nicht. Eigentlich sah sie sich auch als Sozialarbeiterin, zwar ohne Schein, aber als Bildhauermeisterin hatte sie ja auch gelernt Lehrlinge auszubilden. Natürlich wurde ihr gewahr, dass da doch große Unterschiede waren, mein Gott, ich kann ja auch Bildhauern, aber dann ist das Kunst und muss sich nicht an DIN halten. Ein großer Unterschied zu einer Meisterin, die ihre Arbeit nach vielerlei Gesichtspunkten gewährleisten muss. Doch umgekehrt wurde ihr der gleiche Gedanke von einem gesendeten Trägervertreter ausgeredet, ihre sozialarbeiterischen Fähigkeiten eingeredet und mündlich attestiert, was ihr wie Honig runter ging. Sie konnte nicht mal die hohe Belastung ihrer Tochter erkennen. Die machte das alles mit, weil diese Familie, Oma, Mutter, Tochter zusammenhält, wie man es nur noch selten findet und wenn dieses Töchterchen diese Zeilen liest, dass ich mir herausnehme, ihre Mutter wegen der hohen Belastung zu kritisieren, dann wird sie, sehr gut möglich, diese hohe Belastung abstreiten und ziemlich sauer sein auf mich. Aber wie gesagt, das waren alles schwierigste Mädchen, kein Heim wollte die noch haben. Das Jugendamt ist bis zu Volljährigkeit in der Pflicht und so kam es wohl, dass nicht genau hingesehen wurde. Als meine Besuche, nach meinem Rückzug von diesem Träger, nur noch zu Reflexionen von ihr genutzt wurden mit einer stetig wachsenden Portion des Aberkennens meiner Fachlichkeit, besuchte ich sie seltener und seltener und irgendwann gar nicht mehr.

Eigentlich hatten wir etwas gemeinsames mit Jugendlichen aufziehen wollen. Aus ihrer Sicht kam ich nicht aus den Pötten, aber ich wollte erst mal sehen, dass sie das Studium beginnt. Eine Horrorvorstellung mit einer unfachlichen Person, die jedoch meint ihre Einlassungen stünden in gleicher Qualität wie die von Sozialarbeitern, das Leben würde zum Spiesrutenlaufen. So wollte ich das nicht machen, doch zum Einschreiben an der Fachhochschule kam es nie. Aus meiner Sicht ist genau das selbe zu sagen, sie kam einfach nicht aus den Pötten. Musste sie auch nicht, denn sie hatte stets mehr Bildhauer-Aufträge als sie schaffen konnte und die Bezahlung war exquisite. Dazu kam das “Taschengeld” vom Träger. Ich habe es ebenso wenig nötig. Als Freelancer werde ich von Trägern und Privaten gebucht, ich mache Kreativprojekte an Schulen und verkaufe Bilder. Mit anderen Worten gab es keine Leerräume, weder bei ihr noch bei mir, jeder hätte mit irgendetwas aufhören müssen um etwas neues aufzuziehen.

Ende Mai 2017 sitze ich zu Hause vor dem Computer und will eigentlich meine Bildersuch- und Verarbeitungsmaschine in Augenschein nehmen, da fällt mir plötzlich Heike ein. Erst will ich anrufen, bald 2 Jahre haben wir uns nicht mehr gesehen, doch dann schreibe ich ihren Namen unwillkürlich in die Suchmaschine und wundere mich über den ersten Treffer. Noch verstehe ich nicht, es ist die Onlineausgabe eines lokalen Käseblattes aus Jülich, es ist ihre Todes- und Beerdigungsanzeige, vom Oktober 2016.

Ich habe mich dann bei ihrer Tochter gemeldet, die tapfer versucht Haus und Hof zu halten. Sie erzählte mir von der plötzlichen schweren Krankheit ihrer Mutter, einem ewig langen Krankenhausaufenthalt und ihre kaum noch erwartete Genesung. Sie soll einen Entschluss gefasst haben, erzählte sie mir. Das Bildhauern wollte sie nicht mehr, es ist halt auch eine körperlich anstrengende Sache. Heike soll den unumstößlichen Entschluss gefasst haben, Sozialarbeit zu studieren und war sofort dabei ihre Bildhauerfirma zu liquidieren.
Ja, das war Heike und was jetzt so spontan anmutet ist für sie schon immer halb umgesetzt gewesen, bevor sie davon überhaupt etwas verlauten ließ. Als Handwerksmeisterin hatte sie einfach eine klare, intuitive Sicht auf Arbeitsplatzeinrichtung und Management und so kann man wohl davon ausgehen, dass sie schon den Einschreibetermin kannte und auch schon wusste, wie sie die karge Ausbildungszeit finanziell überbrücken würde, noch bevor sie ihrer Familie davon erzählte.

Sie machte gute Fortschritte in der Reha und der Termin, nach Hause zu kommen, wurde schon anberaumt, da verstarb sie plötzlich und unerwartet in der Aachener Uniklinik.

Ich erfuhr nichts von dem bis zu diesem Tag. Da nahm ich mir von dem Rohkarton ein großes Blatt, holte einen Kasten Bier, mischte die Farben an und bereitete alles vor. Ich malte dieses Bild in einem Wurf und die ganze Zeit hatte ich Heike wahrhaftig im Ohr. Ich spürte, wie sie sich freute, ich hörte, wie sie über ihr Bildnis lästerte, ich solle mir gefälligst mehr Mühe geben. Als ich gut angetrunken den Pinsel niederlegen wollte, feuerte sie mich in ihrer typischen Art an weiterzumachen und auf einmal war das Bild vollendet. So nahm ich Abschied von Heike Olszowi.

Das Bild übergab ich als Kondolenzgeschenk an ihre Tochter. Es hängt jetzt im Empfangsraum gegenüber ihrem üblich eingenommenem Sitzplatz.

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